In der zweiten Woche wurden wir in zwei Gruppen a 10 Leuten aufgeteilt. Ich bin über die Aufteilung recht froh, ich fühl mich ziemlich wohl in der Konstellation. Ich weiß nicht was die genauen Kriterien der Aufteilung waren, aber in unserer Gruppe sind hauptsächlich leisere Stimmen gelandet. Und eine sehr laute Finnin. :)
Am Montag versuch ich rauszufinden, was bei meinem Overdrive nicht passt. „Ja“, sagt Camilla, „da ist Luft mir dabei.“ Ach was. Das hätte ich mir ja denken können. Ich scheine frustrierenderweise die Einzige hier zu sein, die dieses Problem der konstanten Hauchigkeit hat, weshalb bei mir alles immer dreimal so lang dauert wie bei den anderen. Meine Laune bessert sich nicht sonderlich, als am Dienstag die erste Singing with Pianist Lektion läuft, und Anne, eine Dänin, die gerade erst mit der Schule fertig geworden ist, ein Lied aus Wicked mit genau der Wahnsinnsstimme die man für Musicals braucht vorträgt, und schon anfängt an den ersten Effekten zu schrauben.
Kleiner Anfall von Selbstzweifel. Alle sind viel besser, was such ich hier eigentlich, da komm ich nie hin und überhaupt kann ich überhaupt gar nichts. Super, und das schon in der zweiten Woche.
Am Mittwoch fand ich allerdings raus, dass ich bei weitem nicht die Einzige bin, die grad ihren Selbstkritischen hat. Nachdem sich mehrere gegenseitig das Herz ausgeschüttet haben, merken wir, dass wir doch alle im selben Boot sitzen. Ab da ging die Stimmung wieder aufwärts. Und meine Luft wird mit Extreme-Twaning bekämpft! Das klingt ein bisschen so wie wenn Donald Duck singt, und dann ist man nicht mehr so ganz sicher ob das jetzt nicht vielleicht doch die Ente war… Klingt jedenfalls sehr lustig und macht einfach einen Heidenspaß! :)
Generell herrscht hier eine große Kuschel-Knuddel-Alle haben sich lieb-Mentalität. Und das ist auch unglaublich nötig, denn gerade wenn man in den Singing with Pianist/DA Stunden vorn steht und Stücke mitbringt an denen man arbeiten will, also Stücke von denen man weiß, dass sie noch nicht gut klingen, braucht das schon ein gewisses Grundvertrauen.
Das durfte ich am Donnerstag erleben, als ich beim zweiten Mal Singing with Pianist dran kam. Und natürlich hab ich ein Stück rausgesucht, das mir große Probleme macht, „Good and Evil“ aus dem Musical Jekyll and Hyde. Wir müssen selbst sagen was wir ändern möchten. Die Lehrer greifen nicht in Geschmacksfragen ein. Wir müssen selbst gut genug wissen was uns nicht gefällt oder was uns schwer fällt, und sie helfen bei der Umsetzung. Ich sing alles immer recht brav, und das könnte bei einem Lied in dem eine Prostituierte zur Entscheidung für das moralisch Verwerfliche aufruft vielleicht nicht ganz passend sein. Nach meinem Vortrag erweitert sich meine Wunschliste noch dahingehend, dass ich es auch besser fände wenn ich im Mittelteil die Töne treffen würde. Im ersten Moment etwas unangenehm, aber 10 wohlwollenden Augenpaare machen alles etwas leichter.
Ole Rasmus, an diesem Tag unser Lehrer, feilt solange an meiner Stütze und meinen Modes, bis das Stück auf einmal doppelt so laut ist und viel mehr „Metall“ hat. Und dann am Mittelteil, bis die Töne da sind wo sind hingehören, und auch diese weitaus kräftiger als vorher. Wow, das bin ich von meiner Stimme nicht gewohnt. Find ich auch unglaublich anstrengend. Erstens weil ich so viel Spannung beim Singen noch nie verwendet hab, und zweitens, weil meine Ohren das gar nicht gewohnt sind. Aber nach der Stunde flieg ich für den Rest des Tages ein paar Zentimeter über dem Boden…
Apropos Singing with Pianist: Zu den Pianisten muss man ein paar lobende Worte schreiben, das geht gar nicht anders! Erst mal spielen die alles vom Blatt, egal ob ausnotiert oder nur Lead Sheets. Ok, das findet jetzt noch keiner so erstaunlich. Wenn der Lehrer sagt, hm, zum Üben erst mal eine Terz tiefer, dann macht der das sponatn im Kopf, und zwar OHNE MIT DEN AUGEN ZU ROLLEN. Und geht auf Lehrers Anordnung in Halbtonschritten wieder nach oben, bis man zurück in der Originaltonart ist. Das Beste ist: Wir haben E-Flügel, man könnte einfach die Transponier-Taste verwenden. Ich hab den Dan mal drauf angesprochen und der meint ganz irritiert: "Ja aber wenn ich an einem richtigen Flügel sitze und der Sänger will’s in einer anderen Tonart, dann muss ich das ja auch können." Wenn der Sänger es in einer anderen Tonart will, dann muss ich das ja auch können!!! Das war fast ein bisschen zu viel für mich... Vielleicht sollte man die Leute hier vorwarnen, dass das nicht generell erwartet werden darf.
Zudem haben wir noch weiter Fächer kennen gelernt wie „Interpretation“, „Rhythm & Improvisation“, „Vocal Groups“ (für einen erfahrenen Chorler jetzt nichts neues, jedenfalls nicht in der ersten Stunde), und ein besonders spannendes: „Ambition & Music Business“. Später wird da auf die Musikindustrie eingegangen werden, aber in der ersten Stunde ging es erst mal darum sich klar zu werden was man eigentlich will und wie man das erreichen kann. Das war ganz unabhängig vom Musikalischen auch so sehr spannend und hilfreich. Mir ist zum Beispiel unter anderem aufgefallen, dass ich weitaus mehr Zeit für mich allein brauch, als ich mir eigentlich generell immer zugestehe…
Am Freitag hatten wird as vergnügen ein Konzert anderer Schüler des CVIs zu hören, und wir Neulinge haben nur mit den Ohren geschlackert. Und uns gefragt, ob wir da auch mal hinkommen. Einige haben auch selbstgeschriebene Songs vorgetragen, und die waren teilweise echt klasse. Danach gab’s Party mit günstigem Bier und Musik zum Tanzen als eine Art Willkommensfeier für uns. Danach war der Kuschelfaktor gleich noch höher.
Am Anfang hat es mich fast ein wenig gestört, dass wir am Freitag keinen Unterricht haben. Mittlerweile bin ich ganz froh, weil schon am Donnerstag meine Speicherkapazitäten deutlich knapper werden. Und nach 4 Tagen mit vielen Menschen die viele laute Geräusche machen, bin ich immer ganz glücklich, wenn ich an den Wochenenden einfach nur zu Hause sitzen und lesen/ wiederholen/ vorbereiten/ faulenzen kann. An so ein dreitägiges Wochenende kann man sich ganz gut gewöhnen. Gehen trotzdem vielzu schnell vorbei.
Damit ich aber auch noch was anderes von Kopenhagen sehe außer die Schule und meine Zimmer, hat Gunna mir ein Fahrrad organisiert und mich am Sonntag bei wunderschönster Morgensonne mit einer Radl durch Christiania geführt. Die Pusherstreet war um die Zeit zwar noch recht verschlafen, aber das gesamte Gelände dahinter, die netten kleinen Häuschen am See, die von Touristen gern übersehen werden, das war wirklich ein schöner Ausflug. Fotos und weitere Stadtteile werden folgen.
Nach all den positiven Erlebnissen habe ich gestern Abend spontan beschlossen die Schule einem ultimativen Coolness-Test zu unterziehen. Und zu sehen wie cool die noch drauf sind, wenn ich ihnen sage, dass ich ihren Schlüssel verloren habe…
Reaktion: "Honey, that's no problem" und es täte ihr Leid dass sie mir erst am Mittwoche einen neuen Schlüssel geben kann. Sowas von bestanden! Ich werd wohl nicht das erste verpeilte Huhn hier sein, und die wissen schon, warum sie uns elektronische Schlüssel geben, die man deaktivieren kann...