Dienstag, 24. April 2012

What the world needs now is love

Letztes Mal habe ich versucht etwas ausführlicher über die Technik zu schreiben. Und auf die lass ich auch nichts kommen. Sitzt, passt, vor allem: funktioniert!
Was aber mindestens genau so interessant ist, ist die Schule selbst. Wie hier unterrichtet wird, ist komplett anders als ich es je erlebt habe. Und mir persönlich taugt es total. :)

Zunächst einmal wird hier extrem viel gelobt. Hippie-Flower-Power? Hauptsächlich der Gedanke, das Singen immer etwas Positives sein und bleiben sollte. Und jeder Sänger weiß, wie sehr man sich mit Selbstzweifeln geißeln kann (vor allem hier, wo man non-stop mit Dingen konfrontiert wird, mit denen man Probleme hat). Da muss mindestens von außen ab und zu was Aufbauendes kommen.
Okay, mir als bodenständigem Landei ist das manchmal fast ein bisschen zu viel des Guten. Das bin ich einfach nicht gewohnt, dass mir jemand mindestens dreimal am Tag sagt, wie toll ich das mach, was ich grad mach. Da kann ich gar nicht mit umgehen! Und wie soll denn das werden, wenn ich wieder zurück in die Wirklichkeit komme? Vielleicht ist der Plan, uns in den vier Monaten so mit Komplimenten zuzuschütten, dass wir die nächsten Jahre keine mehr brauchen. Quasi die Gegenbewegung zum Bohlenschen runtermachen, das andere Extrem. Aber das hier taugt mir da schon mehr.

Was aber das ungewöhnlichste ist: die Lehrer haben keinen Geschmack. Also haben sie hoffentlich schon, aber der hat im Unterricht nichts zu suchen.
Für Leute, die noch keinen Gesangsunterricht hatten: Normalerweise sagt einem der Lehrer was man richtig oder falsch macht, und was man ändern soll. Das heißt, das Ergebnis ist meist stark abhängig vom Geschmack des Lehrers. Extrem formuliert: der Lehrer formt einen Schüler nach seinen Vorstellungen. Der muss da allerdings schon auch mitmachen wollen. Deswegen sucht man sich meistens einen Gesangslehrer, dessen Stimme einem gefällt, dessen Geschmack also hoffentlich dem eigenen recht ähnlich ist.
Unterricht hier dagegen läuft folgendermaßen ab: Man kommt mit einem selbstgewählten Lied an, singt es vor, und egal wie sehr es dem Lehrer dabei die Zehennägel aufgerollt haben kann, fragt er danach freundlich was man denn ändern möchte. Und arbeitet genau daran (Ausnahme: wenn er merkt, dass man grad irgendwas ungesundes mit der Stimme treibt). Glücklicherweise bleiben wir von soch Zehennägel-aufrollenden Fällen meist verschont, also geht es eher um: Wie will ich, dass es sich anhört. Also: Wie will ICH, dass es sich anhört, nicht: was will der Lehrer. Den kann man lediglich um Hilfe bitten, um dieses Ziel zu erreichen. Und geholfen werden kann einem hier bei so ziemlich allem. Man muss nur wissen was man will. Man muss selbst wissen, welche Stellen einem nicht gefallen, und auch wie man es gerne hätte.

Dieses System setzt ein unglaublich großes Maß an Eigenverantwortung voraus. Das man schon eine Vorstellung hat was man will, dass man weiß wo man hinwill. Wenn man aber noch nicht an dem Punkt ist und jemand bräuchte der einen etwas an der Hand nimmt und führt, kann man hier etwas verloren sein. Andererseits: Früher oder später muss man sich damit ja eh damit auseinandersetzen.
Auch seine Ziele muss man sich selbst stecken. Wenn man sich selbst nicht fordert, tut’s auch sonst keiner. Bei allem, was man lernen will, kann einem geholfen werden, aber wohin man gehen will muss man selbst entscheiden. Man kann hier auch locker 14 Wochen den Kurs besuchen ohne allzu viel zu lernen. Wer keinen Fokus hat, kann an dieser Stelle etwas ins Schleudern geraten.

Ich dagegen bin dermaßen gewohnt an die Hand genommen zu werden, dass ich das alleine gehen gerade erst lernen muss. Früher hat mir mein Lehrer gesagt, an was ich üben soll und ich hab so lange geübt, bis er gesagt hat, dass es gut ist. Hier bekomme ich aber immer gesagt, dass es gut ist (solange ich mir beim Singen nicht schade). Und erst jetzt merke ich, dass ich mich selbst kontrollieren muss: Ok, das war jetzt vielleicht alles gesund, aber gefällt es MIR so? Klar war ich vorher auch schon selbstkritisch, aber jetzt ist die eigene Kritik die einzige Kritik, und hat somit ein weitaus größeres Gewicht. Die darf man ruhig noch etwas schärfen.

Für mich ist das genau das, was ich gerade gebraucht habe. Ich glaube ich lerne jetzt erst wirklich selbstständiges Arbeiten an der Stimme...

Selbst Lieder aussuchen klingt so banal einfach, aber auch da hatte ich anfangs meine Probleme. Ich hab mir gern viel zu schwere Stücke vorgenommen, ich will ja schließlich was lernen! Ambitioniert, aber wenn man sich die ganze Zeit überfordert, ist das irgendwann halt doch auch ziemlich frustrierend.
Diese Woche war die einzige, in der die Lehrer in unsere Liedauswahl dreinreden durften. Für jeden gab es ein Defined Assignment, ein Stück, das die "Problemzonen" des jeweiligen Sängers angehen soll. Ich bekam  "Crazy" von Gnarls Barkley, natürlich ein Song in ausschließlich metallischen und halb-metallischen Modes, also keine Luft.
Und wisst ihr was? Air is a bitch, aber langsam werd ich mit ihr fertig, ha! Das Stück wär eigentlich nicht mein Territorium gewesen, hat aber doch einen saumäßigen Spaß gemacht.
Es kommt noch besser: Ohne Hauch auf der Stimme kann ich so laut singen wie Lachen!!! Das freut mich riesig!!! Und unsere Nachbarn wahrscheinlich grad auch... Allerdings kann ich's noch nicht so gut kontrollieren, so dass ich grad ganz gerne die Lieder konstant durchschrei. Aber das werd ich auch noch unter Kontrolle bekommen.

Mittlerweile sind meine Ziele etwas realistischer. Ich werde am Ende der Akademie nicht „And I’m telling you“ singen können, und wahrscheinlich auch noch die nächsten Jahre nicht. Und das ist auch in Ordnung so. Einen Schritt nach dem anderen. Einfachere Stücke. Nähere Ziele. Kleine Erfolge. Und sich dann freuen und sich ab und zu selber den Kopf tätscheln. :)

Nur noch vier Wochen. And it's gonna be totally awesome!
(Ja, wir hatten am Wochenende einen Very Potter Musical-Youtube-Abend. :) Marit und ich mussten neue Fans rekrutieren...)