Samstag, 18. Februar 2012

Auf neuen Wegen

"Ich gehe nach Kopenhagen um dort einen Gesangskurs zu machen, und dann geh ich nach Berlin und werde Sängerin."

Übliche Reaktionen entweder begeistert: "Super, mach das!" oder bodenständig "Klar, die werden nur auf dich gewartet haben".
Und was sagen meine Eltern? Mein Vater, der mir mein Mathematikstudium finanziert hat, und jedes Recht hätte zumindest ein bisschen auszuflippen, sagt seelenruhig: „Du hast grad keine Familie zu ernähren und bist auch sonst durch nichts gebunden. Wenn du meinst noch was ausprobieren zu müssen, dann ist jetzt der beste Zeitpunkt.“ Und meine Mutter, die sich normalerweise doch gerne ein paar Sorgen ums kopflose Küken macht, lässt den erwarteten Schock-Zustand komplett ausfallen. Wieso fällt mir eigentlich erst jetzt auf, wie toll meine Eltern sind? Besser spät als nie.

Warum Kopenhagen?
Weil es nur dort das CVI gibt, eine Institut für Gesangstechnik, von der Dänin Catherine Sandolin entwickelt bzw. entdeckt. Auf die Technik an sich werde ich in diesem Blog noch näher eingehen als manchen lieb sein wird. Die, die den Blog hauptsächlich lesen um zu erfahren ob ich mir ein Bein gebrochen oder dänischen Kronprinzen verführt habe, können diese Passagen ja überspringen.

Was will ich hier lernen?
(Ein Glück, dass ich schon vor Kursbeginn eine Liste geschrieben habe, nach einer Woche haben sich die Ziele vielleicht schon etwas angepasst)
Ich möchte Antworten auf meine Fragen. Wie kann es sein, dass ich beim Einsingen bis zum c3 komme, aber in Liedern dann auf einmal schon beim c2 Probleme habe. Warum ist mein Lachen so laut, dass man es zwei Stockwerke weit hört, aber wenn laut spreche, bekomme ich Halsschmerzen, und beim Singen ist diese Kraft auch nicht abrufbar.
Ich möchte eine bessere Kontrolle über meine Stimme. Manchmal wenn ich auf der Bühne stehe und nervös werde, reagiert meine Stimme komplett anders als sonst. Und dann werde ich total hilflos und habe keine Ahnung was ich jetzt tun soll, damit sie das tut was eigentlich ausgemacht war.
Ich möchte ein bisschen mehr mit meiner Stimme anfangen können. Meine Variationsmöglichkeiten liegen im Moment bei lauter/ leiser und vielleicht noch heller/ dunkler. Das war’s. Wie ich im Moment singe ist „ganz nett“, würde man als „schlanke Stimme“ bezeichnen. Taugt mir auch recht gut. Aber ich kann auch gar nicht anders.
Ich möchte den Anfang vom Circle of Life aus dem König der Löwen („NAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAANTS INGONYAMA BAGITIHI BABAAAAAAA“) so stark und kraftvoll singen können, wie der Typ auf der CD. Ich glaub das vereint im Kurzen alle meine Ziele.

Und was mach ich danach?
Ganz ehrlich, keine Ahnung.
Jedenfalls mal nicht zu einer Casting-Show gehen. Ich mach das hier nicht um "berühmt" zu werden. Ich will einfach nur singen. Ich will rausfinden was noch geht. Bei Vorhaben wie z.B. dem Jazzprojekt habe ich gemerkt, wie immer wieder ein paar kleine Schritte mehr vorwärts gehen. Was passiert, wenn ich endlich mal die Zeit habe wirklich nichts anderes zu machen als Musik? Vielleicht kommt einfach raus, dass eben nicht mehr geht. Dass ich schon alles rausgeholt hab was drin war, und nu is gut. Aber dann weiß ich das wenigstens. Ich will nicht mehr dasitzen und überlegen wie alles verlaufen wäre, wenn ich vielleicht doch statt Mathe… Dieses ewige „was wäre wenn“ endlich weghauen und zu schauen was ist, wenn. Und wenn ich dann desillusioniert und pleite wiederkomme, ist das nicht das Schlimmste was passieren kann. Aber ich will mich nicht in 20 Jahren immer noch zu fragen, was wäre wenn…

Ich brauch das hier grad ganz dringend, um mich mit mir selbst zu versöhnen. Und natürlich um Singen zu lernen.


Und die Reise beginnt, Samstag vor einer Woche:
Nach einer recht feuchtfröhlichen Nacht im Hexenkessel, bei dem es der Besitzer in seiner Großzügigkeit wohl etwas zu gut mit mir gemeint hat, grenzt es doch fast an ein Wunder, dass ich mit mehr Gepäck als ich eigentlich tragen kann doch pünktlich am Bahnhof eintreffe. Ich habe sogar noch Zeit mir einen Kaffee zu holen, muss dann aber feststellen, dass es mir an einer freien Hand mangelt. Gut gemeinte Angebote mich zum Zug zu begleiten, hatte ich wacker ausgeschlagen (weil ich sooo stark und unabhängig bin!). Das durfte ich schon auf dem Weg zur U-Bahn mindestens 17-mal bereuen.

Nachdem in den letzten Tagen nochmal alles etwas schiefer gelaufen ist, als nötig gewesen wäre, komme ich im Zug zum ersten Mal seit ich weiß gar nicht wann zum Durchatmen. Zum zur Ruhe kommen. Zum ein bisschen traurig sein. Auf meiner Abschiedsfeier wurde ein Büchlein rumgereicht, in das lauter liebe Menschen lauter liebe Sachen reingeschrieben haben, und da sitz ich nun, mit Tränen in den Augen, aber auch einem Lächeln. Danke euch allen!!!

Nach etwa 11 1/2 Stunden (und ja, ich war doch mit dem Zug auf der Fähre!) komme ich endlich in Kopenhagen an. Die kurz aufkeimende Überlegung mir ein Taxi zu gönnen wird doch wieder verworfen, da es mir unpassend scheint den erste Schritt in meine brotlose Zukunft mit solch einer luxuriösen Verschwendung zu beginnen. Glücklicherweise sind es auch nur zwei S-Bahn-Station bis zur Wohnung, und auch dann ist es auch nicht weit. Lage: Wahnsinn! Nørreport ist etwa der Stachus von Kopenhagen, und die Wohnung quasi in einer Seitenstraße der Kaufingerstraße. Zentraler geht nicht. Beim Tragen in den ersten Stock muss ich allerdings feststellen: Ich kann meinen Trolli trotz morgendlicher Umpack-Aktion nicht vom Boden hochheben…
Empfangen werde ich von Petra, der Yoga-Lehrerin, die ebenfalls hier wohnt. Da sie auch kein Dänisch kann, muss ich mir schon mal um die Verständigung im Haus keine Sorgen machen. Ein paar Grundregeln der Wohnung werden mir gleich erklärt („There are a lot of rules“), weitere werden morgen folgen, wenn Gunna, die Dame des Hauses, wieder zurück ist. Mein Zimmer ist urgemütlich, schon im leeren Zustand, und nachdem ich alles ausgepackt und für ein geordnetes Chaos gesorgt habe, noch gemütlicher.

Am nächsten Tag lerne ich auch Gunna kennen, eine 69-jährige Frau mit festem Händedruck, weißen Haaren und unglaublich viel Energie, die sich für Frauenrechte, Schwulenrechte, die Free Gaza-Bewegung und noch einiges mehr einsetzt. Nach dem Abendessen wohne ich meinem ersten House Meeting bei, in dem in einem Plan festgehalten wird, wer wann was die Woche vorhat und vor allem wer wann kocht. Jeder muss ein bis zweimal die Woche kochen, so auch ich. Ich frage mich, wer über diese Abmachung noch unglücklicher sein wird. Ich warne vor, dass meine Kochkünste etwas zu wünschen übrig lassen. „Dann wirst du es lernen!“
Ich lerne hier also Singen, Dänisch und Kochen? Da wird irgendwas noch den Kürzeren ziehen…

2 Kommentare:

  1. So war das also gemeint mit Essen inklusive. Du kochst es selbst! :)

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  2. Aber ich werde auch bekocht! Immer schön abwechselnd :)

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